Zum Tod von Johannes Agnoli

Negatives Potenzial oder: Der Mut, zu dieser Gesellschaft Nein zu sagen
Elmar Altvater und Georg Fülberth zum Tod des kritischen Politikwissenschaftlers Johannes Agnoli

Von Elmar Altvater

Im Februar 2000 erhält Johannes Agnoli Gelegenheit, sich in der »Zeit« zu äußern. Sein Thema: Die »Transformation der Linken« auf dem »langen Marsch von der Kritik des Politischen zum Glauben an den Staat«. Vielleicht ist dieser Titel nicht von Agnoli, sondern von der Redaktion der »Zeit« gesetzt worden. Denn in dem Artikel werden, ebenso wie in anderen Interviews der letzten Jahre, erhebliche Zweifel an der Staatlichkeit im überlieferten Sinne geäußert: Im Weltmaßstab, angesichts der »berühmt-berüchtigten Globalisierung« sei es kaum vorstellbar, dass »die Zähmung des Kapitals durch einen bürgerlichen Verfassungsstaat geleistet werden könne«. Und in den gar nicht mehr als Machtzentrum der herrschenden Ordnung vorhandenen Staat sollen die Linken marschieren? Vielleicht, weil sie mit Blindheit geschlagen sind, aber Agnoli kann Ab- und Sehhilfe schaffen.
Johannes Agnoli, der sich die »Kritik der Politik« zur Aufgabe gemacht hat – und mit der Ökonomie eher nonchalant, wenn nicht ignorant umging – beschäftigt sich in den letzten Jahren mehr als je zuvor mit politisch-ökonomischen Fragen: Als gelernter Philosoph und umfassend gebildeter Wissenschaftler weiß er die Versprechen der Globalisierungsbefürworter einzuschätzen und auf ihre theoretische Begründung zurückzuführen.
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Die ehemals emanzipatorische Linke lässt offensichtlich in der Ausweglosigkeit der eigenen Verstrickung mit der veränderten Wirklichkeit die Hoffnung fahren. Es stellt sich aber keine gemeine Resignation ein, noch zieht sich die Linke in privatisierte Nischen zurück. Vielmehr bleibt sie aktiv, ändert nur die Position, sagt dem früheren Standpunkt Lebewohl, drängt sich zur institutionellen Macht, macht sich selber zum Staat und wird – sozialdemokratisch.
Agnoli im Februar 2000 in der »Zeit«
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Die stammt vor allem von David Ricardo. Der hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts belegt, dass durch Außenhandel alle Beteiligten »komparative« Vorteile erzielen könnten. Denn Handel lässt Spezialisierung der Produktion zu. Dadurch kann die Produktivität gesteigert werden. Arbeitskraft wird in die Zweige umgelenkt, in denen sie vergleichsweise mehr als zuvor produzieren kann. Die Menge an Gütern und Diensten wächst und mit ihr der »Wohlstand der Nationen«. Dieses Theorem ist auch heute noch geschichtsmächtig, handlungsleitend. Agnoli kennt seinen Ricardo und kann ihn daher zitieren: Wenn die Produktivität steigt, wächst nicht nur der Wohlstand, es werden auch Arbeitskräfte frei gesetzt. Es bildet sich eine »redundant population«, eine Überflussbevölkerung. Auch Hegel war sich darüber im Klaren, dass das »Übermaß an Reichtum« nicht »der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern« in der Lage sei.
In der kapitalistischen Gesellschaft wird also, nun auch auf globaler Ebene, der Widerspruch zwischen Arm und Reich, zwischen den Klassen und Geschlechtern, zwischen den Herrschenden und Beherrschten, den Begünstigten und Benachteiligten zugespitzt. Dann steht aber die Frage erneut auf der Tagesordnung, wie innerhalb der Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten, gegen diesen gesellschaftlichen Widerspruch »Maulwurfsarbeit« betrieben werden kann: »in autonomen Organisationsformen, vom Wahlboykott bis hin zum wilden Streik«. Wir sind bei dem Thema angelangt, das die Schriften Johannes Agnolis von den 60er Jahren bis zu seinem unerwarteten Tod am vergangenen Wochenende durchzieht.

Die »Transformation der Demokratie«

Mit verschmitztem Augenzwinkern und mit der ihm eigenen Ironie, die ihn als Universitätslehrer so beliebt und als Debattenredner so gefürchtet gemacht haben, beginnt er das möglicherweise bekannteste seiner Werke, die 1967 erschienene »Transformation der Demokratie«: »Wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1820 bemerkt, und wie Viola Gräfin von Bethusy-Huc 1965 bestätigte: Das Volk ist nicht in der Lage sich selbst zu regieren.« Hegel kennen alle, doch wer ist die Gräfin? Philosophie wird zum Allgemeinplatz, und es kommt dann wieder darauf an, diesen Allgemeinplatz zu – so würde man heute sagen – dekonstruieren. Also nimmt Agnoli das Herrschaftssystem, vor allem in der BRD der Adenauer-Ära, auseinander. Die transformierte Demokratie wird als ein »Gehäuse der Hörigkeit« (Max Weber) entziffert, als ein intelligent gestaltetes institutionelles System zur »Glättung« und »Verdeckung« jeglichen antagonistischen Bewusstseins, zur Integration durch Bestechung, zur Zirkulation der Eliten, zur Gewährleistung einer »pluralen Fassung der Einheitspartei«. Herrschaft scheint tatsächlich ausweglos, denn die Herrschaftsorgane und ihr Herrschaftswille lassen sich nicht von innen her aufbrechen. Das kann nur von außen her geschehen. Doch welches Subjekt kann diese Leistung vollbringen?
Letztlich diejenigen, die in den Herrschaftsmechanismus nicht integriert werden können oder sich nicht in ihn integrieren lassen, das »negative Potenzial«, das den »Mut« aufbringt, »zu dieser Gesellschaft einfach Nein zu sagen«. Und Agnoli fügt hinzu: »Vorläufig ganz allein und in der Hoffnung, dass es anders wird.« Hier – wie so oft in seinen Texten – schwingt bei aller Radikalität auch etwas Resignation mit. Er nimmt sich selbst zurück, meistens ironisch, aber manchmal hört man die Enttäuschung heraus. In den 60er Jahren schien sich das »negative Potenzial« im westlichen Deutschland als Studentenbewegung und als APO zu artikulieren, und zwar massenhaft und mächtig. Die »Transformation der Demokratie« (zu der im übrigen neben Agnoli auch Peter Brückner beisteuerte) konnte zu einer Art »Bibel der APO« avancieren.
Doch Kritik an den Thesen Agnolis, sowohl an der theoretischen Begründung als auch an den politischen Schlussfolgerungen, kam schon damals auf. Die »Bibel« hatte eine kurze Halbwertzeit. Das lag nicht am Eklektizismus der Arbeit, daran, dass – wie Agnoli später schrieb – das Buch wie eine italienische Minestrone (Gemüsesuppe) konstruiert war: Jeder, der Zutaten beisteuern konnte, durfte sie in den Suppentopf werfen. Das war Selbstironie bis zum Zynismus, denn zu den Suppenköchen zählte Agnoli Hegel und Marx, Machiavelli und Spinoza, Abendroth und Pareto, also die Ahnengalerie der politischen Theorie. Was er vorlegte, war ebenfalls politische Theorie von hohem Rang, allerdings mit einem Mangel, der Agnoli immer wieder vorgeworfen wurde: Herrschaft werde bei ihm subjektiviert, er analysiere viel zu wenig die sozialen und ökonomischen Sachzwänge von Herrschaft.
Dieser manchmal von Agnoli zugegebene Mangel wird besonders sichtbar in seinen Schriften zur italienischen Debatte um den Planstaat und den Massenarbeiter aus den frühen 70er Jahren. Das politische System müsse im modernen Kapitalismus für die Kontinuität des Produktionsprozesses Sorge tragen. Denn davon hänge letztlich die Verwertung des Kapitals ab. Die staatliche Planung, so Agnoli, schreite von der »staatlich-rechtlich durchsetzbaren Aufrechterhalten der politisch vermittelten Klassenmacht des Kapitals … hinüber zur ökonomisch wirksamen Regelung der Mehrwertproduktion.«

Arbeiterautonomie gegen den »Planstaat«?

Gegen dieses beinahe totalitäre System könne nur die »Arbeiterautonomie« etwas ausrichten, und zwar in Gestalt einer Art »Einfalls der Arbeiterklasse ins Kapitalverhältnis«. Das geht nur spontan, und nicht mit Hilfe der tradierten Organisationen der Arbeiterbewegung, der Parteien und Gewerkschaften. Agnoli ist theoretisch Spontaneist. Das ist bei Studenten gut angekommen, oftmals umgesetzt in eine nur flache radikale Haltung, die leicht abgestreift werden konnte. Doch hatte das Konzept weder theoretische noch politische Zukunft. Es scheiterte theoretisch schon Mitte der 70er Jahre, als sich herausstellte, dass die Kontinuität kapitalistischer Entwicklung nicht von außen durch spontane Streiks unterbrochen werden muss. Die immanente Krise mit nun entstehender struktureller Massenarbeitslosigkeit war mehr als ein Hinweis auf die Notwendigkeit, die soziale und ökonomische Dynamik des Kapitalismus in neuen Kategorien zu studieren. Agnoli hat dem seit den 90er Jahren Rechnung getragen, indem er die »Globalisierung« in sein Denken einbezog.
Das politische Scheitern des Konzepts kommt vielleicht am meisten zugespitzt in der Entwicklung von zwei italienischen Protagonisten der »Arbeiterautonomie« zum Ausdruck, bei Mario Tronti und Toni Negri. Tronti, eine der wichtigsten Bezugspersonen in der Debatte um den Planstaat, den Massenarbeiter und die Arbeiterautonomie, trat Mitte der 70er Jahre in die damalige Kommunistische Partei Italiens ein und gab auch mit seiner politischen Orientierung die These von der Spontaneität der Bewegung auf. Auch Spontaneität will organisiert sein, um nicht nur Strohfeuer zu sein. Während sich also Tronti in das politische Institutionensystem integrierte, blieb Negri außen, ließ sich sogar von den Roten Brigaden instrumentalisieren. Er hat dafür tatsächlich viele Jahre seines Lebens »außerhalb der Gesellschaft«, nämlich im Gefängnis verbracht.
Agnoli war vor solch existenzialistischer Exzentrik gefeit. Er hat, wie er mehrfach zu Protokoll gab, »Maulwurfsarbeit« getrieben: »Beschreiben, analysieren, wie die politische Macht funktioniert, zu welchem Zweck und mit welcher Perspektive«. Dabei käme es vor allem auf die »alltägliche Orientierung« an, darauf, »dass man der Utopie einer Gesellschaft der Freien und Gleichen anhängt«. Dass man selbst mit einem so reduzierten Programm in Konflikt mit der Staatsgewalt geraten kann, mussten Johannes Agnoli (und noch mehr sein Ko-Autor Peter Brückner) erfahren.
In den »bleiernen« 1970er Jahren stand er wie viele andere unter der Anklage, die damaligen Linksterroristen »geistig« unterstützt zu haben. Von der Zeitschrift »Kalaschnikow« einst gefragt, wie sich das vertrage, Kritischer Politologe und Professor am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, also Kritiker und Vertreter des Staates zugleich zu sein, antwortete Johannes Agnoli mit dem ihm eigenen Witz: »Das befohlene Stehen auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung entbindet nicht von der Pflicht, über die wahre Beschaffenheit des Bodens Mitteilung zu machen.« Wir haben dies vernommen und werden die Mitteilung weitergeben, auch wenn Johannes Agnoli selbst verstummt ist.

Elmar Altvater, den der WDR einmal anerkennend einen »Kritiker alter Tradition« nannte, widmete sich zuletzt vor allem Problemen der Globalisierung. Der 1938 geborene Politologe ist Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin – der langjährigen Wirkungsstätte von Johannes Agnoli.

(ND 10.05.03)